Lieferservice Spahn

Um es vorweg zu nehmen, ich gehöre nicht zum Fan-Club unseres Bundesgesundheitsministers Jens Span.

Was ich zu bemängeln habe? Eine fehlende Arzneimittelkontrolle durch europäische und nationale Behörden. Inzwischen gehört es zur „guten pharmazeutischen Praxis“, dass Arzneimittelverpackungen durch die Großhändler mit Wissen des Bundesgesundheitsministeriums mit Blistern aus verschiedenen Produktionsbetrieben in Nicht-EU-Ländern gefüllt werden, weil die Krankenkassen mit ihren Rabattverträgen bestimmte Pharma-Unternehmen bevorzugt behandeln. Es ist inzwischen nachweisbar, dass die Rabattverträge nicht bedeuten, dass dabei der billigste Anbieter zum Zuge kommt! Medikamente, wie zum Beispiel das Gabapentin, werden von der DAK im Rabattvertrag von der Firma Aristo bezogen, obwohl der Hersteller Ratiopharm in seinem Ulmer Fertigungsbetrieb das Medikament zu einem deutlich niedrigerem Preis herstellt und anbietet. Das eigentliche Problem dabei ist, dass unsere Regierung die Kontrolle für neue Medikamente und deren Zulassung zwar deutlich verschärft hat, aber die fortlaufende Kontrolle über die Qualität in den ausgelieferten Medikamentenpackungen wurde komplett auf die innerbetriebliche Kontrolle in den Herstellungsbetrieben verlagert. Die Herstellungsbetriebe sind aber oftmals außerhalb der EU zu finden, sprich, es gibt gar keine Möglichkeit einer staatlichen Kontrolle mehr. Hierzulande wären die einzige Möglichkeit eine direkte Kontrolle bei den Großhändlern einzuführen, die dann Chargen aus Indien, Russland und vielen anderen Nicht-EU-Ländern zusammenführen und nachweislich mit neuen Aufklebern auf den Medikamentenpackungen in Umlauf bringen, so dass sie für den Endverbraucher, den Patient*innen, als in Deutschland hergestellte Produkte erscheinen.

Dies geschieht, obwohl es derzeit noch nach europäischem Recht verboten ist, innerhalb der EU Medikamente aus in Nicht-EU-Ländern angesiedelten Herstellungsbetrieben in Umlauf zu bringen.

Bei meinen Recherchen bin ich bereits 2015 darauf gestoßen, dass EU-Pharma-Konzerne Medikamente in Weißrussland von indischen Pharma-Herstellern in nicht-EU-konformen Studien in Human-Versuchen haben testen lassen. Eine Anfrage meinerseits dazu bei der Europäischen Arznei-Zulassungsbehörde EMA in London löste damals eine Verknappung von Medikamenten in der EU aus, weil solche Medikamente wegen illegaler Studien von den Herstellern zurückgenommen und vernichtet werden mussten. Das Problem ist also keineswegs neu – es wurde statt dessen zur jetzt angewendeten Praxis umdeklariert.

Inzwischen lassen alle großen EU-Pharma-Unternehmen Medikamente in Nicht-EU-Ländern produzieren. Da wegen der Souveränität der Nicht-EU-Ländern keine staatliche Kontrolle durch die jetzt in Amsterdam beheimateten EMA oder nationale Kontrollorganen der EU-Mitgliedstaaten möglich ist, gilt ab jetzt die Praxis, dass es in den Herstellungsbetrieben außerhalb der EU nur innerbetriebliche Qualitätskontrollen für die Herstellung und den Vertrieb gibt.

Meine derzeitigen Recherchen haben jedoch ein viel gefährlicheres Problem unserer derzeit in Deutschland angewendeten Praxis sichtbar gemacht: In Deutschland hergestellte Arzneimittel werden vorwiegend ins Ausland verkauft, weil z.B. das britische Gesundheitssystem mehr für unsere in Deutschland hergestellten Medikamente zahlt, als unsere Krankenkassen mit ihren Rabattverträgen zulassen. Die Knebelung der Großhändler durch die Krankenkassenverträge führt dazu, dass zu einem großen Teil oder sogar die Mehrheit aller Medikamente von Herstellungsbetrieben in Nicht-EU-Ländern importiert werden müssen, weil diese unter den dort herrschenden nationalen Bedingungen billiger produzieren können. Irgendwie muss der Bedarf an Medikamenten in Deutschland ja auch gedeckt werden. Allerdings macht die jetzt gängige Praxis, dass die Großhändler die auszuliefernden Medikamentenpackungen mit aus verschiedenen Herstellungsbetrieben gemischten Blistern verpacken, es auch möglich, dass dabei Medikamenten-Fälschungen leichter in den Umlauf gebracht werden können.

Und diese Fälschungen, bei denen man den Ursprung hauptsächlich in Indien vermutet, wandern auch in deutschen Apotheken über den Ladentisch. Als Diabetiker habe ich jetzt schon zwei Packungen Actrapid von Novo Nordisk (DK) als aus Russland stammend identifizieren können. Dabei werden auf die in Russland gedruckte Verpackung einfach ein deutschsprachiges Etikett geklebt und ein deutschsprachiger Beipackzettel in die Verpackung geschoben. Jedenfalls habe ich inzwischen eine Ampulle Actrapid sicherstellen können, bei der die Wirkung gleich Null war. Auch nach mehr als 40 IE trat keinerlei Senkung meines Blutzuckerspiegels ein. Nach Gabe von 20 IE habe ich nach etwa zwei Stunden gewöhnlich eine Absenkung von ca. 30% des Blutzuckerspiegels erwartet, doch nichts geschah. Ich habe daraufhin eine andere Packung angefangen und sofort das gewünschte Ergebnis erzielt. Hierbei könnte es sich also auch um eine Fälschung handeln.

Wie kann man solche gefährlichen Eingriffe in unser desolates Gesundheitssystem verhindern? Das habe ich mir dann auch überlegt. Gar nicht! Denn, als Patient habe ich keinerlei Handhabe. Ich kann die betreffende Packung bei der Apotheke zurückgeben und mir eine neue besorgen, das hat aber auf das Gesamtsystem keinen Einfluss. Denn der Schaden, der dabei entsteht, ist riesig. Ein Vertrauensverlust in die Praxis der Pharma-Hersteller und in die Apotheken ist ein Fanal.

Meine weiteren Recherchen ergaben nämlich, dass weder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, noch die Deutsche Pharmakologische Gesellschaft auch nur ansatzweise eine Kontrollmöglichkeit haben. Meine Lebensgefährtin ist selbst Ärztin und auf lebenswichtige Medikamente angewiesen und hat in einem ähnlich gelagerten Fall versucht, herauszufinden, wer die Charge beaufsichtigt, wer eine Analyse des betreffenden Medikaments durchführen könnte und welche Kontrollinstanz dafür zuständig ist. Weder gibt es eine funktionierende staatliche Arzneimittelkontrolle, weil die Hersteller selbst für die Qualitätssicherung verantwortlich gemacht worden sind, noch gibt es eine andere staatliche Organisation, die in solchen Fällen eingreifen kann. Hier bleibt nur der äußerst beschwerliche zivile Klageweg für die Endverbraucherinnen und möglicherweise gesundheitlich gefährdeten Patientinnen möglich. Selbst eine Strafanzeige bei der Polizei wegen in Umlauf bringen eines gefälschten oder in der Zusammensetzung maßgeblich veränderten Medikaments würde ins Leere laufen, weil hierbei die Souveränität der Nicht-EU-Staaten unberührt bleibt.

Herr Jens Spahn mag möglicherweise jeden Tag eine pfiffige Idee für die Verbesserung seines Images und dessen der Unionsparteien haben, aber seine Unfähigkeit, das bestehende Gesundheitssystem essentiell dort zu verbessern, wo gefährliche Mängel entstanden sind, bringt Millionen Bundesbürger täglich mehr in Gefahr. Seine Spar-Allüren, die andererseits zu exorbitanten Mehrausgaben bei den Bürgern führen, führen nur dazu, dass wir Patienten täglich immer mehr Vertrauen in Ärzte (die uns die möglicherweise gefälschten Medikamente verordnen), in die Apotheker (die uns die möglicherweise gefälschten aushändigen, ohne dass sie selbst etwas davon wissen), in den Staat (der hier eindeutig ein absolutes System-Versagen ausweist) und in das Rechtssystem (welches durch unsere politischen, nationalen Alleingänge ausgehebelt wird) verlieren.

Ich stelle mir an dieser Stelle die Frage: wer ist jetzt der Anarchist?