Vom Doppelturbo-Trieb und der Hubraum-Potenz

Ein Kommentar

Als überzeugter Nur-Motorradfahrer auf meiner 61 PS Zweizylinder Honda mit Kardan-/Hydrostat-Antrieb (eine verschleiß- und berührungsfreie Öldruck-Kupplung mit 6-Gang Schaltung) habe ich neuerdings immer öfters rußende Möchtegern-Boliden vor mir, wo auf einem 4er BMW protzige 5,5 Liter, auf einer A-Klasse immerhin noch verdächtige 4,9 Liter und auf einer E(rsatzteil)-Klasse 5,3 Liter prangen. Bei allen drei rußt es verdächtig aus den Abgasrohren und an der untertourigen Anfahrt bei grüner Ampel (wo ich dann denke, hoffentlich hat er bald mal etwas Druck auf dem Bodenblech) erkenne ich, dass die angeblich so überkandidelten Motoren sich gegen den Fahrer auflehnen – könnten sie sprechen, würden sie sagen, „ich bin überfordert!“ … heute hat einer sogar seinen von AMG getunten S-Klasse-Motor abgewürgt, nach dem er beim Wechsel von P nach D einfach zu früh aufs Gaspedal ging.

Im Zusammenhang mit den Sorgen um den offensichtlich doch stattfindenden Klimawandel, frage ich mich natürlich, wie kann man sich da so eine proletische Spaßbremse anschaffen, die nicht nur jede Menge Benzin frist, unverbrannten Treibstoff und Ruß ausstößt, Unmengen CO und CO2 neben anderer langkettiger Benzole und sicher auch Stickoxyde produziert – anstatt die im Treibstoff gespeicherte Energie möglichst mit wenig Reifenabrieb und sauberer Verbrennung auf den Asphalt zu übertragen, damit das oftmals nicht nur tiefer gelegte, sondern auch deutlich schwerere Fahrspaß-Aggregat Beschleunigung erfährt?

So ganz alleine am männlichen Testosteron-Überschuss kann es nicht liegen, denn immer öfters erlebe ich vor mir in Renegades, in AMGs, Audi RS8, Targas, Carreras und X7er-BMWs auch Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, die sich mit rasanten Kick-Off-Starts nicht ohne Grund auf der linken Seite hinter dem Ampelstrich einreihen. Ich frage mich deshalb, gibt es eine psychische Grundkonstellation für diesen Hubraumwahnsinn – oder liegt es doch an dem allgemeinen Trieb seinen Larry raushängen zu lassen?

Bei meinen Motorrad-fahrenden Kollegen ist es ja nicht viel anders. Gegen meine 678ccm Bagger-Honda Modell RC55 mit ihren 2,96 Meter Radstand ist die 1,8 Liter Goldwing wirklich nur ein „halbes“ Motorrad, da fehlt hinten hinter dem Nummernschild mehr als ein ganzer Meter. Und das bei 1,1 Liter mehr Hubraum. Die Beschleunigung der großen Goldwing ist dabei so rasant, dass man sich aus dem Stand auf unter 20 Meter Entfernung bequem in die Rinde einer Eiche bohren kann, was für den Fahrer nur ein kurzer Spaß von wenigen Millisekunden ist, bevor ihm im Gehirn der Strom abgeschaltet wird. Wozu? Was hat suizidales Grundverhalten mit Fahr-Spaß zu tun? Wozu kauft man sich ein > 100 kW starkes Motorrad, wenn man allenfalls auf deutschen Autobahnen unterwegs ist, und sich mit 80er-Zonen in über 15 Km langen Baustellen abfinden muss?

Bei mir ist auch nicht Trödellei das Ziel, ich beschleunige auch zügig (gerade in den unteren fünf Gängen verharre ich durchschnittlich ein-einhalb Sekunden) und gehöre bestimmt nicht zu den amtlich auf Geschwindigkeitsbegrenzungen beharrenden Fahrern, wenn vor mir alles leer ist. Aber ich weiß, dass meine schwere Maschine zum Beispiel in Rechtskurven besonders gerne untersteuert, dass das Andrücken in einer Linkskurve doch einiges an körperlicher Kraft kostet. Und auf der Autobahn gehören für mich 130 km/h zum Standard. Das lädt die Batterie zügig auf und erlaubt mir mehrmals am Tag den Motor zu starten.